Die Sozialdemokratie erlebt derzeit nicht ihre beste Phase. Da ist es interessant und erfrischend, einmal etwas über die Anfangsphase und die Ursprünge der SPD zu erfahren. Einen großen Anteil an der Gründung der SPD hatte natürlich August Bebel, dem Brigitte Seebacher-Brandt eine Biographie gewidmet hat. Ein sehr lesenswertes Buch.
Seebacher-Brandt beschreibt anschaulich die Lebensgeschichte Bebels, und nimmt Bezug auf alle wichtigen Lebensabschnitte, Gefährten und Widersacher Bebels. Wie wahrscheinlich in der Geschichte jedes großen Politikers wechseln letztere und vorletztere manchmal erstaunlich schnell untereinander, ausführlich wird die Beziehung von Bebels z.B. zu Lassalle, zu Marx und Engels, zu Bernstein und Kautsky, später zu Ebert beschrieben. Die Sprache der Autorin liest sich dabei manches Mal recht zäh, die Sätze scheinen auseinandergenommen und durcheinandergewürfelt wieder zusammen gebaut. Häufig werden dabei Kenntnisse als Allgemeinwissen vorausgesetzt, die aber wohl dem interessierten Laien nicht gegebenen sind (zumindest dem Reszenten nicht :-)). Auch wenn es aber manchmal etwas holpert, bleibt der Lesefluss und das -vergnügen trotzdem weitestgehend erhalten. Das liegt auch am Aufbau des Buches. Meist chronlogisch, folgt die Geschichte Bebels doch auch bestimmten Themen, bei denen dann auf Vergangenes und Zukünfiges referenziert wird. Solche Themen sind beispielsweise Beziehungen zu anderen wichtigen Personen in der Geschichte des Sozialismus des 19. Jahrhunderts, wie die jahrelange und meist über Briefkorrespondenz geführte zu Engels. Aber auch die nationale Begeisterung Bebels vor allem zu Ende seines Lebens wird ausführlich beschrieben und in einen Zusammenhang mit anderen Lebensabschnitten Bebels gebracht. Letztendlich kommt die Autorin erstaunlicherweise aber nachollziehbar zu dem Schluss, dass auch und gerade mit Bebel die Zustimmung zu den Kriegsanleihen 1914 erfolgt wäre.
Alles in allem ein höchst lehrreiches und interessantes Buch über einen Protagonisten des Aufstiegs der SPD. Die Partei hat sichtbar einen langen Weg hinter sich. Mit Bebel als Führungsfigur war die Partei jedenfalls strikt antikapitalistisch und sozialistisch ausgerichtet, aber auch gefangen in einer Fundamentalopposition. Die Macht sollte eben erst nach Zusammenbruch der kapitalistischen Gesellschaft errungen werden, in Bebels Sprache meist der große "Kladderadatsch". Die Linie zur heutigen Situation findet sich wohl erst mit Reformisten wie Ebert.